Der Forschungsbereich Science, Technology and Society (STS) am Orient-Institut Istanbul (OII) widmet sich der Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft aus einer interdisziplinären Perspektive. Aufbauend auf dem seit 2015 etablierten Forschungsfeld Mensch, Medizin und Gesellschaft wird der Fokus dabei über medizinische Innovationen hinaus auf breitere Fragen der Wissenschafts- und Technikentwicklung, digitaler Transformationsprozesse und sozio-technischer Netzwerke erweitert.
Unser Anliegen ist es, wissenschaftliche und technologische Entwicklungen nicht isoliert, sondern als tief in gesellschaftliche, politische und kulturelle Strukturen eingebettete Prozesse zu verstehen. Dabei kombiniert STS am OII empirische, ethnografische und historisch-vergleichende Ansätze mit theoretischen Perspektiven. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der historischen Verflechtung von Wissenschaft und Technik mit zeitgenössischen Innovationsprozessen. Neben aktuellen technologischen Veränderungen untersuchen wir auch die langfristigen Entwicklungspfade, die zur Entstehung bestimmter Wissenschafts- und Technikpraktiken geführt haben.
Die Forschung adressiert unter anderem folgende Themenbereiche:
Soziotechnische Netzwerke und globale Wissenszirkulationen
Innovationskulturen und technologische Entwicklungsdynamiken sowie gestalterische Prozesse
Mensch-Technik-Interaktionen und Körperkonzepte
Historische und gegenwärtige Konstellationen von Wissenschaft und Technik im gesellschaftlichen Kontext
Als international vernetzter Teil der globalen STS-Community erforscht der Forschungsbereich STS am OII in interdisziplinären Kooperationen, wie techno-wissenschaftliche Praktiken soziale Ordnungen hervorbringen und verändern – und damit die komplexe Wechselwirkung von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft.
Projekte
Herstellungspraktiken medizinischer Instrumente in Innovationsclustern: Eine vergleichende Studie von Tuttlingen, Sialkot und Samsun (MediCluster)
Medizinische Innovationen sind das Ergebnis sozio-technischer Prozesse, die in sozio-technische Imaginationen eingebettet sind. Sie entstehen im Kontext historisch gewachsener Wissenschafts- und Technologieentwicklungen sowie durch das akkumulierte Wissen, die Expertise und das handwerkliche Können innovativer Unternehmen, die in spezifischen Clustern angesiedelt sind. So hängt die Entwicklung von Clustern in der Herstellung medizinischer Instrumente nicht nur von historischen Innovationspfaden und spezifischen handwerklichen Fähigkeiten in der Metallverarbeitung ab, sondern auch von kollektivem (handwerklichem) Wissen.
Ziel dieser Studie ist es, die Herstellungspraktiken medizinischer Instrumente als Teil regionaler Innovationskulturen in geografisch verteilten, aber miteinander verbundenen internationalen Innovationsclustern zu untersuchen. Die Studie führt eine vergleichende Analyse auf Basis einer ethnografischen Untersuchung an mehreren Standorten durch, ergänzt durch umfangreiche qualitative Interviews. Dabei werden die historischen Hintergründe und Traditionen von Clustern für medizinische Instrumente sowie deren Einfluss auf die Entwicklung von Wissen in der handwerklichen Fertigung analysiert.
Der Fokus liegt auf der Beziehung zwischen internationalen Innovationsclustern und deren Auswirkungen auf handwerkliche Fertigungspraktiken in der medizinischen Instrumentenindustrie. Dabei wird untersucht, wie globale Arbeitsteilung, Wertschöpfungsketten und politische Ökonomie die Entwicklung der Herstellung medizinischer Instrumente sowie die Innovationspraktiken formen und beeinflussen. Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für das komplexe Zusammenspiel dieser Faktoren und deren Auswirkungen auf medizinische Instrumente und Innovationen zu gewinnen.
Um diese interdependenten Ebenen zu erfassen, wird eine vergleichende Studie in drei unterschiedlichen geografischen Regionen durchgeführt: Samsun (Türkei), Tuttlingen (Deutschland) und Sialkot (Pakistan) – drei der weltweit führenden Zentren für die Herstellung chirurgischer Instrumente, die eng miteinander kooperieren. Die Studie untersucht, wie diese Cluster trotz ihrer Unterschiede interagieren.
Die enge Zusammenarbeit zwischen diesen drei Clustern, die eine zentrale Rolle in der Produktion und Innovation medizinischer Instrumente spielen, ist von entscheidender Bedeutung, da ihre Produktionsketten stark miteinander verflochten sind. Ein Scheitern bei der Etablierung und Aufrechterhaltung dieser Kooperation könnte zu Unterbrechungen oder Störungen der Innovationskette für medizinische Instrumente führen. Daher ist es unerlässlich, die Mechanismen des Innovationsaustauschs zwischen diesen Clustern zu verstehen, um die Zusammenarbeit zu stärken und technologische Fortschritte in der medizinischen Instrumentenindustrie gezielt voranzutreiben.
Während präzise Handarbeit und hochqualifiziertes handwerkliches Können in den manuellen Phasen der Instrumentenherstellung weiterhin eine zentrale Rolle spielen, erfordert die Einbindung von Hochtechnologie in fortgeschrittenen Produktionsstufen eine Kombination aus traditionellem Handwerk und modernen Technologien. Zudem gewinnen digitale Technologien und Automatisierung zunehmend an Bedeutung, insbesondere durch computergestützte Fertigungstechniken, Robotik und datenbasierte Innovationsprozesse, die die Produktionsketten nachhaltig verändern. Diese Studie leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Konzepts regionaler Innovationskulturen, indem sie Einblicke in die Vielfalt innovativer Entwicklungswege und die Verbreitung von Fachwissen durch vernetzte Innovationsnetzwerke gibt.
Zweirädrige Mobilitäten in digitalen Lieferkulturen: Eine vergleichende soziotechnische Analyse der Kurierarbeit in Freiburg und Istanbul (2027-2029)
Projektleitung: Dr. Gülşah Başkavak Betreuerin: Dr. Melike Şahinol Forschungsassistent: Yavuz Ülker
Diese Untersuchung zielt darauf ab, die Arbeitserfahrungen von Kurierinnen und Kurieren, die im digitalen Liefersektor in Freiburg und Istanbul tätig sind und zweirädrige Fahrzeuge – Fahrräder und Motorräder – nutzen, aus einer vergleichenden Perspektive zu untersuchen. Die Studie beabsichtigt aufzuzeigen, wie Fahrräder und Motorräder innerhalb digitaler Lieferkulturen als soziotechnische Elemente genutzt, erfahren und mit Bedeutung versehen werden, die die Organisation der Arbeit, die Zeit-Raum-Beziehungen, die körperlich verkörperte Mobilität, die Risikowahrnehmung und die berufliche Identität prägen.
Die Untersuchung betrachtet die Kurierarbeit nicht ausschließlich im Rahmen von Beschäftigungsverhältnissen oder individuellen Arbeitsbedingungen, sondern begreift sie als einen soziotechnischen Prozess, der durch digitale Plattformen, Smartphone-Anwendungen, algorithmisches Management, städtische Infrastrukturen, Verkehrsordnungen, Fahrzeugtechnologien und Praktiken verkörperter Mobilität konstituiert wird. In diesem Rahmen konzentriert sich die Untersuchung auf folgende Aspekte:
wie die alltäglichen Arbeitspraktiken der Kurierinnen und Kuriere organisiert werden,
wie sie Arbeits- und Zeitdruck erfahren,
auf welche Weise sie mit Risiken und Ermüdung umgehen,
wie sie sich zu den Kontroll- und Bewertungsmechanismen der Plattformen verhalten,
wie sie ihre Identität als Fahrrad- beziehungsweise Motorradkurierinnen und -kuriere konstruieren.
Eines der zentralen Ziele der Studie besteht darin, die gemeinsamen und unterschiedlichen Aspekte der Lieferarbeit in Freiburg und Istanbul herauszuarbeiten. Durch den Vergleich der infrastrukturellen, technologischen, kulturellen und regulatorischen Merkmale beider Städte soll verstanden werden, wie sich die Arbeit von Fahrrad- und Motorradkurierinnen und -kurieren in unterschiedlichen städtischen Kontexten herausbildet. Auf diese Weise wird die Untersuchung aus einer vergleichenden Perspektive analysieren, welche Auswirkungen die im digitalen Liefersektor eingesetzten Fahrzeuge auf das Arbeitstempo, die Formen der Mobilität, die Risikoerfahrungen und das berufliche Zugehörigkeitsgefühl haben. Ein weiteres Ziel der Untersuchung besteht darin, das Konzept der digitalen Lieferkulturen zu entwickeln und dessen analytische Reichweite im Lichte der empirischen Daten herauszuarbeiten. Dieses Konzept ermöglicht einen ganzheitlichen Zugang zu Lieferprozessen, indem nicht nur die Arbeitsbeziehungen, sondern zugleich auch die Technologien, digitalen Plattformen, Smartphones, Fahrzeuge, städtischen Infrastrukturen und alltäglichen Mobilitätspraktiken berücksichtigt werden, die diese Prozesse prägen. Darüber hinaus zielt das Konzept darauf ab, die Arbeitspraktiken, Formen der Solidarität und Bewältigung, geteilten Wissensrepertoires, beruflichen Identitäten und subkulturellen Formationen sichtbar zu machen, die Kurierinnen und Kuriere in unterschiedlichen gesellschaftlichen und räumlichen Kontexten entwickeln.
In dieser Hinsicht zielt die Untersuchung darauf ab, die Rolle von Fahrrädern und Motorrädern innerhalb der digitalen Lieferarbeit aus einer soziologischen Perspektive zu analysieren, wobei sie auf die theoretischen und konzeptionellen Wissensbestände der Arbeitssoziologie sowie der Wissenschafts- und Technikforschung zurückgreift. Die Studie beabsichtigt zu zeigen, dass diese technologischen Fahrzeuge keine passiven Elemente des Lieferprozesses darstellen, sondern eine aktive Rolle bei der Gestaltung des Arbeitstempos, der körperlichen Erfahrung, der räumlichen Mobilität, der Risiken und der beruflichen Beziehungen spielen. In diesem Rahmen wird erwartet, dass die Untersuchung einen vergleichenden und konzeptionellen Beitrag sowohl zur Literatur als auch zu den soziologischen Debatten über digitale Plattformarbeit, urbane Mobilität und Kurierarbeit leistet.
Dieses Bild wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt.