
Verantwortlich: Dr. Christiane Czygan und Prof. Dr. Victoria R. Holbrook
Laufzeit: 2026
Über Jahrtausende hinweg gehörte Dichtung zu den wichtigsten Formen der Kommunikation. Lange vor dem Islam bildeten Verse die wichtigste Grundlage für Erzählungen sowie Keilschrifttexte, Grabinschriften, monumentale Epigraphik und zahlreiche andere Medien.
Die Osmanen knüpften bewusst an diese lange Tradition an. Im Osmanischen Reich war Dichtung kein Ornament, das dem politischen, gesellschaftlichen oder gelehrten Leben von außen hinzugefügt wurde. Vielmehr war sie eines der zentralen Medien, in denen sich dieses Leben artikulierte. Das Verfassen von Gedichten war in der osmanischen Gesellschaft weit verbreitet. Eine Sammlung der eigenen Gedichte konnte gleichsam als Visitenkarte dienen und die Zugehörigkeit zu den gesellschaftlichen Eliten zum Ausdruck bringen. Verse begegnen uns in der Historiographie und Jurisprudenz ebenso wie in Stiftungsregistern, Korrespondenzen, Inschriften, gelehrten Schriften und Liedern. Tausende Verse formten Erzählungen und Epen, die zum Kanon von Wissen und Gelehrsamkeit zählten. In Diwanen wurden individuelle Werke kompiliert, zahlreiche Dichterbiographien unterstrichen die Bedeutung der einzelnen Dichter und fahrende Sänger verbreiteten Epen auch in entlegene Winkel des Osmanischen Reichs. Dichtung fungierte als Medium der Kommunikation und Repräsentation, des Wissens, der Erbauung, Unterhaltung und Erinnerung sowie der sozialen Distinktion. Sie eröffnet daher einen zentralen Zugang zum Verständnis osmanischer Textualität, intellektueller Kultur und gesellschaftlicher Kommunikation.
Der Forschungsbereich Osmanische Dichtung am Orient-Institut Istanbul verfolgt daher das Ziel, osmanische Lyrik nicht als eng begrenztes literaturwissenschaftliches Spezialgebiet zu behandeln. Vielmehr soll gezeigt werden, dass Lyrik in der Kommunikation zentral und allgegenwärtig war. Auch wenn die Forschung sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf islamische und turkophone Dichtung konzentriert, existierte im Osmanischen Reich eine große Bandbreite nicht islamischer und nicht turkophoner Dichtung, die jederzeit einbezogen werden kann. In diesem Sinne bildet Osmanische Lyrik einen Forschungsraum, in dem Philologie, Geschichte, Philosophie, Linguistik, Handschriftenforschung, Epigraphik, Musikwissenschaft, Digital Humanities und Literaturwissenschaft miteinander in Dialog treten.

