Das neue Forschungsfeld „Frühneuzeitliches Osmanisches Reich“ am Orient-Institut Istanbul nimmt die vielfältigen politischen, sozialen und kulturellen Dynamiken zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert in den Blick und untersucht in inhaltlicher und struktureller Hinsicht auf der Basis eines breiten Spektrums an Quellen, wie soziale Verflechtungen, politische Ordnungsvorstellungen und kulturelle Praktiken zusammenwirkten. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragestellungen zu Herrschaft, Legitimität und gesellschaftlicher Teilhabe, insbesondere die Themen Eliten, Netzwerke, soziale Mobilität sowie die Einbindung des Osmanischen Reiches in globale Zusammenhänge. Dieser Schwerpunkt beschäftigt sich im Prinzip mit der Frage, wie sich das Reich als dynamischer, vernetzter und begrifflich konstruierter Bestandteil der frühneuzeitlichen Welt verstehen lässt.
Insgesamt umfasst dieser Schwerpunkt sowohl Fragen der Rekonstruktion politischer und sozialer Ordnungen als auch begriffsgeschichtliche und diskursanalytische Ansätze. Die Arbeit mit Handschriften, narrativen Quellen und Archivdokumenten sowie die Erschließung neuer Materialien bilden dabei die Grundlage. Zugleich wird die frühneuzeitliche osmanische Geschichte in globale historiographische Debatten eingebettet und in enger Verbindung mit literaturwissenschaftlichen Ansätzen untersucht.
In diesem Zusammenhang kristallisieren sich des Weiteren auch Kritik und Marginalität als zentrale Themen heraus. Die Untersuchung ihrer vielfältigen Semantik eröffnet Einblicke in soziale Praktiken, politische Konfliktfelder und Formen öffentlicher Artikulation. Gerade für das 16. und 17. Jahrhundert, eine Phase tiefgreifender Krisen, Umbrüche und Aushandlungsprozesse, stellt sich die Frage, wie unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, gerade außerhalb der Eliten, an Debatten über Ordnung, Autorität und Legitimität teilnahmen.
