Gastwissenschaftler*innen und Promotionsstipendiat*innen

Gastwissenschaftler*innen

Gökçen B. Dinç (Utrecht University)

Die Säkularisierung von Khidr und Hıdrellez: Die Ambivalenzen der Kulturerbepolitik für Aleviten

Hızır und Elias, die am Quell des Lebenswassers einen toten Fisch zum Leben erwecken.Fal-ı Kur’an, Topkapı Sarayı Müzesi H. 1702.
Quelle: Metin And, Minyatürlerle Osmanlı-İslam Mitologyası, Yapı Kredi yayınları, 2007, s. 43

Dieses Projekt untersucht, wie Hıdrellez in verschiedenen Gemeinschaften gefeiert wurde, mit einem besonderen Fokus auf alevitische Interpretationen und Praktiken in der Geschichte der Türkei. Hıdrellez ist das jährliche Frühlingsfest, das am 6. Mai in der Türkei und den Nachbarländern begangen wird. Der Überlieferung nach treffen sich in der Nacht zum 5. Mai die Propheten (oder Heiligen) Khidr (Hızır) und Elias (İlyas) auf der Erde, um den Zyklus der Fruchtbarkeit neu zu beleben. Die Feierlichkeiten umfassen sowohl mit dem Christentum und Judentum verbundene Glaubensvorstellungen und Rituale, als auch schamanistische und pagane Elemente. Hıdrellez spiegelt die Vielfalt des religiösen Lebens in der Türkei wider und wurde – und wird – von Menschen unterschiedlicher ethnischer, religiöser und geschlechtlicher Hintergründe in geselliger Atmosphäre gefeiert. Im alevitischen Glauben kommt Khidr eine besonders heilige Stellung zuFür die Aleviten, die größte religiöse Minderheit der Türkei, hat Hıdrellez die Funktion eines religiösen Rituals. Im Rahmen der breiteren Politik der aktuellen AKP-Regierung im Bereich des immateriellen Kulturerbes wurde Hıdrellez in 2017 von Nordmazedonien und der Türkei als „Frühlingsfest“ in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen. Während die bestehende Literatur über die AKP sich vor allem auf ihre Religionspolitik konzentriert und Studien zum Verhältnis von Kulturerbe und Religion in muslimischen Kontexten häufig Zerstörung in den Mittelpunkt stellen, hebt dieses Projekt eine andere Dynamik hervor: die Umdeutung eines lebendigen alevitischen Rituals durch gegenwärtige Kulturerbe-Diskurse mit säkularen Perspektiven. Neben der Geschichte der Hıdrellez-Feiern untersuche ich die Ambivalenzen, die durch diese Umdeutung entstehen: Sie ermöglicht zwar die Anerkennung der Praxis als nationale Kultur, schwächt jedoch gleichzeitig ihre religiösen und speziell alevitischen Dimensionen ab.

Promotionsstipendiat*innen

İrem Ertürk (École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS))

Ali Suavi- neu betrachtet

Ali Suavi, A Propos de L’Herzégovine, Victor Goupy matbaası, 1875, Paris.

In der türkischen Geschichtsschreibung wurde den Jungtürken (1889) oft die Hauptverantwortung für die modernen Reformen zugeschrieben, während die Beiträge der Jungosmanen (1865) in den Hintergrund gedrängt wurden. In den 1860er Jahren spielten die Jungosmanen jedoch eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der politischen, sozialen und kulturellen Debatten ihrer Zeit. Diese Gruppe, die sich hauptsächlich aus osmanischen Beamten und Bürokraten zusammensetzte, betrachtete sich als patriotische Reformer, die sich für den Erhalt des Reiches einsetzten. Unter ihnen sticht Ali Suavi als eine einflussreiche Persönlichkeit hervor. Er war zunächst als Ulema tätig und trat später als Redakteur und Autor in unabhängigen Zeitungen auf, in denen er die Regierungspolitik offen kritisierte. Obwohl er in der türkischen Geschichtsschreibung oft als Islamist eingestuft wird, argumentiert diese Studie, dass Suavi in erster Linie ein Reformer war, der versuchte, religiöse Werte an die soziopolitischen Realitäten seiner Zeit anzupassen – und kein Islamist im heutigen Sinne des Wortes. Aus Suavis Schriften geht hervor, dass er hochintelligent war und eine strenge religiöse Ausbildung durchlaufen hatte. Dieser Hintergrund ermöglichte es ihm, in den Moscheen Istanbuls zu predigen. Mit seinen fundierten Hadith-Kenntnissen zog er sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Elite große Aufmerksamkeit auf sich. Später, während seiner journalistischen Laufbahn, analysierte Suavi Reformen durch die Linse der zeitgenössischen gesellschaftlichen Werte des Islam und der intellektuellen Strömungen seiner Epoche. Diese Studie legt nahe, dass er durch sein kritisches Engagement für Reformen ein bleibendes politisches Erbe hinterlassen hat, das nachfolgende Reformbewegungen beeinflusste.

Matthieu Gosse (Université Paris Gustave Eiffel, Paris)

Ausländische Missionare und Konsuln in Diyarbekir und im Osmanischen Osten (Mamuret-ul Aziz): Lokale und imperiale Machtnetzwerke, urbane Strategien und Patronageverhältnisse (zwischen den 1870er Jahren und 1914)

Blick über Diyarbakir von Yedi Kardeş Burcu, fotografiert von Albert Gabriel im Jahr 1932. Quelle : Ministère de la Culture (France), Fonds Albert Gabriel INHA, Médiathèque du patrimoine et de la photographie.

Dieses Projekt untersucht die sozialen und politischen Rollen, die westliche ausländische Akteure – vornehmlich Missionare und Konsuln – in der späten osmanischen Zeit in den Provinzstädten Diyarbekir und Mamuret-ul Aziz/Harput gespielt haben. Während Hafenstädte und ihre levantinischen Bevölkerungen bereits vielfach von der Wissenschaft beachtet wurden, sind die pluralen, städtischen Gesellschaften des osmanischen Ostens bisher vergleichsweise wenig erforscht worden. Aus einer breiten Sammlung von Archivquellen vor allem aus Frankreich, aus der Türkei, aus dem Vatikan und aus den Vereinigten Staaten schöpfend, untersucht diese Forschungsarbeit die Integration und die Aktivitäten von katholischen (Kapuziner, franziskanische Nonnen) und protestantischen Missionaren (American Board of Commissioners for Foreign Missions – ABCFM) und konsularischen Agenten (aus Frankreich, den USA und Großbritannien) zwischen den 1870er Jahren und 1914. Obwohl diese Akteure häufig für Beobachter am Rande gehalten wurden, waren sie tatsächlich häufig tief eingebettet in lokale Patronagenetzwerke und städtische Strategien; sie wetteiferten um Einfluss über verschiedene Kanäle: konsularischer Schutz, Bildung, wohltätige Einrichtungen, und religiöse Konversion.

Jenseits von Fragen der kulturellen und religiösen Präsenz überdenkt das Forschungsprojekt Formen des informellen westlichen Imperialismus in Regionen, die weitgehend keinen Fokus  ökonomischen Interesses für die westlichen Mächte darstellten. Es hebt die Rolle ausländischer Akteure als Vermittler und als Broker hervor, die sowohl in transimperialen Strukturen, als auch in lokalen politischen und sozialen Dynamiken agierten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der räumlichen Verteilung der ausländischen Präsenz durch GIS-basierte Kartierung und durch Feldforschung in der Region. Mikrohistorische Methoden mit der Erforschung transimperialer Netzwerke verbindend, bietet diese Forschung eine neue Perspektive auf sozialen Wandel, Beziehungen zwischen den Gemeinschaften und auf das komplexe Zwischenspiel zwischen lokaler Handlungsfähigkeit und ausländischem Einfluss im osmanischen Osten an der Wende zum 20. Jahrhundert.

Diana Yayloyan (Georgetown University)

Ökologien der Flucht in den osmanischen Grenzgebieten zwischen den 1870er und den späten 1930er Jahren

Bild: Vartan A. Hampikian, Gesamtansicht von Moush [Muş] mit den Bergen von Sasoun [Sason], ca. 1923. Library of Congress, Prints and Photographs Division.

Dieses Projekt untersucht die transimperiale und transnationale Geschichte der Flucht in den gebirgigen Grenzgebieten Ostanatoliens und des Transkaukasus von den 1870er bis zu den späten 1930er Jahren. Bisherige Arbeiten neigen dazu, Flüchtende primär als Problem der Staatssicherheit zu betrachten. Sie werden darin hauptsächlich als „Banditen“ oder „Aufständische“ behandelt, deren Bedeutung sich aus der Bedrohung ergibt, die sie für die staatliche Ordnung darstellten. Basierend auf mehrsprachiger Forschung entwickelt das Projekt einen Bottom-up-Ansatz, der die Kategorien ernst nimmt, durch welche verschiedene Flüchtlingsgruppen Gerechtigkeit, Pflicht und Legitimität verstanden. Der wichtigste methodische Beitrag dieses Projekts besteht darin, Flucht nicht nur als Forschungsgegenstand, sondern auch als Perspektive zu betrachten, durch die sich Grenzpolitik, Mobilitätskontrolle und Staatenbildung in der späten osmanischen und frühen republikanischen Geschichte neu interpretieren lassen.