Gastwissenschaftler*innen und Promotionsstipendiat*innen

Promotionsstipendiat*innen

Marina Bechraki (National and Kapodistrian University of Athens-NKUA)

Osmanische und türkische Theaterstücke auf den Spuren altgriechischer Lieteratur und Mythologie

Das Große Theater von Ephesos. Quellenangabe: J. T. Wood, Discoveries at Ephesus; Including the Site and Remains of the Great Temple of Diana, Longmans, Green, and Co., London 1877.

Dieses Forschungsprojekt untersucht die Rezeption der griechischen Antike im osmanischen und türkischen Drama zwischen 1875 und 1980. Ziel ist es, den interkulturellen Dialog zwischen Griechenland und der Türkei aus der Perspektive des griechischen klassischen Dramas nachzuzeichnen. Die Untersuchung stützt sich auf ein breites Spektrum von Rezeptionsformen – darunter Originaldramen, Theaterinszenierungen, Übersetzungen sowie literarische Auseinandersetzungen – und deckt einen Zeitraum von rund einem Jahrhundert (ca. 1875–1980) ab. Im Zentrum der Dissertation steht ein Korpus von siebzehn türkischen Dramen mit antiker Thematik, die vor dem Hintergrund ihrer historischen, gesellschaftlichen und politischen Entstehungskontexte analysiert werden. Methodisch verbindet die Studie Ansätze der Theaterwissenschaft, der Turkologie, der Rezeptionsforschung sowie der Sozialwissenschaften.

Das Projekt untersucht die Mechanismen, durch welche die griechische Antike im osmanischen und türkischen Kulturraum angeeignet, transformiert und mit neuen Bedeutungen versehen wird. Dabei werden sowohl die Beziehungen der Dramen zu ihren antiken griechischen Vorlagen als auch die Bedeutung vermittelnder europäischer Traditionen – insbesondere des französischen und deutschen Dramas – für die Rezeption und Umgestaltung antiker Stoffe analysiert.

Die Untersuchung zeigt zwei zentrale Entwicklungslinien auf: Erstens richten die Dramatiker ihr Interesse vor allem auf Texte der antike Mythologie, die territoriale und interkulturelle Bezüge zum geographischen Raum der heutigen Türkei und ihrer Nachbarregionen aufweisen. Zweitens wird das griechische klassische Drama entsprechend der jeweiligen ideologischen Ausrichtung und politischen Haltung der Autorinnen und Autoren neu interpretiert. Diese Aneignungsprozesse gehen mit einer bewussten Umschreibung und Resemantisierung der antiken Stoffe einher. Sie beruhen nicht allein auf künstlerischer Kreativität oder einer individuellen Auseinandersetzung mit archetypischen Mythen, sondern verfolgen häufig auch die Absicht, das Drama als Mittel zur Aktivierung des ideologischen und politischen Bewusstseinsbildung einzusetzen.